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Forschungsprojekt Diskurse Opferverbände

 

Religion und Politik: Tschechen, Deutsche und Slowaken im 20. Jahrhundert

Tagung der Deutsch-Tschechischen und Deutsch-Slowakischen Historikerkommission
22.-24. März im Kloster Teplá u Mariánských Lázní (Tepl bei Marienbad)

Für ihre Tagung „Religion und Politik: Tschechen, Deutsche und Slowaken im 20. Jahrhundert“ hätte die Deutsch-Tschechische und Deutsch-Slowakische Historikerkommission kaum einen passenderen Ort wählen können: In den zum Tagungshotel umfunktionierten ehemaligen Wirtschaftsgebäuden des Klosters Teplá bei Mariánské Láznì (Tepl bei Marienbad) traf sich die von den Außenministerien der Bundesrepublik Deutschland, der Tschechischen Republik und der Slowakischen Republik berufene Expertenkommission, um der Bedeutung von Religion, Kirchen und Religionsgemeinschaften im Beziehungsfeld von staatlicher Politik und nationalen Konzepten und Bewegungen nachzugehen. Abseits der Wege der traditionellen Kirchengeschichte diskutierten in vier Sektionen 24 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Einfluss des Religiösen auf die Handlungsräume von Tschechen, Deutschen und Slowaken im 19. und 20. Jahrhundert.
Nach den begrüßenden Worten der Vorsitzenden der tschechischen Sektion, Jiøí Pešek (Prag), und der deutschen Sektion, Martin Schulze Wessel (München) – der Vorsitzende der slowakischen Seite, Dušan Kováè (Bratislava), war krankheitsbedingt verhindert – eröffnete Martin Schulze Wessel das erste Panel, das sich dem Beziehungsfeld „Religion – Nation – Staat“ widmete. Er beleuchtete die Interpretationsfiguren und Ansätze, mit denen sich die Geschichtswissenschaft diesem spannungsreichen Dreieck nähern kann und stellte sich gegen die verbreitete Auffassung, wonach Konfessionalisierung das prägende Phänomen des 16./17. Jahrhunderts gewesen sei, die nationalen Bewegungen des 19./20. Jahrhunderts dagegen den Einfluss des Religiösen zurückgedrängt hätten. Auch in den letzten beiden Jahrhunderten sei der fortbestehende Einfluss des Konfessionellen feststellbar, weshalb gefragt werden müsse, wie Religion und Nation als handlungsleitende Muster koexistiert bzw. sich hybridisiert haben. Schulze Wessel umriss drei Interpretationsfiguren als mögliche Beschreibungsformen dieses Verhältnisses: Erstens seien strukturelle Analogien zwischen nationalen und religiösen Vorstellungswelten zu erkennen, weil beide einer Wir-Gemeinschaft einen transzendenten Sinn zur Verfügung stellten. Damit verbunden sei zweitens die Beobachtung, dass der Nationalismus auf dem Symbolspeicher der Religion aufbaue, beispielsweise in Gestalt apokalyptischer Denkfiguren in nationalen Bewegungen. Schließlich erhöben religiöse wie nationale Deutungsmuster den Anspruch auf Höchstrelevanz und Letztgültigkeit. Gerade aus dieser Ähnlichkeit ergäben sich nationale, religiöse und auch konfessionelle Konflikte, die von staatlichen Akteuren reguliert werden können bzw. müssen. Nicht zuletzt die dadurch entstehende Konfliktgemeinschaft mit dem Staat habe dazu geführt, dass religiöse Deutungsmuster auch im 19./20. Jahrhundert ihre Relevanz behielten. Als Zugänge, mit denen sich die konkurrierenden Ansprüche von Religion, Nation und Staat beschreiben lassen, nannte Schulze Wessel die Forschungsansätze der „Politischen Religionen“ sowie des Konzepts der „Loyalitäten“ und skizzierte deren Potentiale wie Defizite im Hinblick auf das Forschungsinteresse.
Im zweiten Eröffnungsvortrag stellte Miroslav Kunštát (Prag) Institutionen, Projekte, Personen und Publikationen der tschechischen Kirchen- und Religionsgeschichtsschreibung vor. Nicht allein Historiker beschäftigen sich mit diesem Thema, sondern auch Politologen, Theologen, Philosophen und Soziologen; wovon nicht zuletzt die Zusammensetzung der Referenten der Teplaer Konferenz zeuge. Dass hier „Kirchenhistoriker im traditionellen Sinne“ fehlten, bedauerte Kunštát allerdings: Da das Themenfeld in der tschechischen Historiografie gerade erst von einer wachsenden Forschergemeinde entdeckt werde, hätten ihre Erkenntnisse für eine Tagung wie diese hilfreich sein können.
In seinem Referat zur Religionssoziologie im 19. Jahrhundert präsentierte Miloš Havelka (Prag) anschließend die diagnostischen religionssoziologischen Konzepte von Auguste Comte und Tomáš G. Masaryk. Diese könnten als charakteristisch für die allgemeinen Tendenzen der Religionssoziologie in dieser Zeit gelten. Besonders interessant im Gesamtzusammenhang der Tagung waren die von Havelka aufgezeigten Verbindungen zwischen Comte und Masaryk: So sei in Masaryks Denken der Einfluss von Comte unter anderem in seinem Begriff der Krise fassbar, in der er die Menschheit am Ende des 19. Jahrhunderts nicht nur aus religiöser, sondern auch aus philosophischer und sozialer Perspektive sah. Als Ursache für diese Krise diagnostizierte Masaryk die Gottlosigkeit seiner Zeit; einen Weg zu ihrer Überwindung sah er darin, der Gesellschaft eine modernisierte Form der Religion näher zu bringen. Dafür grundlegend war seine Überzeugung von der integrativen Funktion der Religion, also die Auffassung, dass es ohne Religion als System von Werten, Normen und Sanktionen keine gesellschaftliche Ordnung geben könne. Gerade im letzten Punkt sei – so Havelka – wiederum der Einfluss Comtes auf Masaryk deutlich erkennbar.
In der folgenden Diskussion bemühten sich die Diskutanten zunächst darum, die Beschreibung der Forschungslandschaft der Kirchen- und Religionsgeschichtsschreibung zu ergänzen. So machte Edita Ivanièková (Bratislava) darauf aufmerksam, dass es in der Slowakei bereits vor 1989 Forschungen zu den Beziehungen zwischen Staat und Kirche gegeben habe, die nicht allein auf die katholische Kirche beschränkt gewesen seien. Martin Schulze Wessel forderte, die Rolle der jüdischen Kultusgemeinden und des jüdischen Glaubens stärker in die Diskussionen einzubeziehen.
Den Abschluss der ersten Sektion stellte Zdenìk R. Nešpors (Prag) Vortrag über „Das Projekt einer tschechischen evangelischen Kirche im Jahr 1848“ dar. Nešpor zeigte, wie die tschechischen Protestanten in ihren Bestrebungen nach einer institutionellen Gleichstellung in der Habsburger Monarchie eine Vereinigung von Lutheranern und Calvinisten anstrebten. Bemerkenswert daran sei, dass dieser erste Unionsplan die nationalen Grenzen überschritt. Beispielsweise Bedøich Vilém Košut oder Josef Rùžièka schlossen in ihre Konzeptionen deutsche und tschechische Protestanten ausdrücklich mit ein, was Nešpor unter anderem darauf zurückführte, dass das Vereinigungsprojekt in erster Linie gegen den Katholizismus als Staatsreligion konzipiert war. In der Diskussion von Nešpors Vortrag wurde gerade dieser transnationale Aspekt der ersten tschechischen protestantischen Unionsbemühung hervorgehoben, um zu verdeutlichen, dass der Impetus dieser konfessionellen Bewegung ein antistaatlicher, aber zugleich auch ein übernationaler war.
Der erste Vortrag des zweiten Panels kam von Pavel Marek (Olomouc), der sich dem Verhältnis des tschechoslowakischen Staates zu den Orthodoxen auf tschechischem Gebiet zuwandte. Dieses bisher wenig erforschte Thema stellte Marek als paradigmatisch für die Behandlung von Kirchen und Konfessionen durch das Schulministerium der Ersten Republik vor. Er argumentierte, dass das Bildungsministerium, das für Religionsangelegenheiten zuständig war, trotz einer offiziell als liberal deklarierten Politik die Entwicklung der Kirche maßgeblich beeinflusste. Um innen- und außenpolitische Konflikte zu lösen, habe der Staat stark in das Innere der Religionsgemeinschaft eingegriffen, indem beispielsweise massiver Druck in Richtung einer Vereinigung der tschechischen Orthodoxen mit der Tschechoslowakischen Kirche ausgeübt wurde. In der Diskussion dieses hochinteressanten Themas der Religionsgeschichte der böhmischen Länder kam sehr deutlich der offen gebliebene Wunsch zum Ausdruck, diesen speziellen Fall in den überspannenden Fragestellungen der Konferenz zu verorten.
Der erste Beitrag zum slowakischen Landesteil der Ersten Republik stammte von Maroš Hertel (Bratislava), der leider krankheitsbedingt nicht anwesend sein konnte. Sein Text über „Hlinkas Slowakische Volkspartei und ihr Verständnis der Beziehungen zwischen Religion, Nation und Staat in der Ersten Tschechoslowakischen Republik“ wurde von Edita Ivanièková (Bratislava) präsentiert. Hertels Ausführungen zeigten, dass die Zielsetzung der Partei einer slowakischen Autonomie in nationaler sowie konfessioneller Hinsicht unter anderem aus Mangel an möglichen Koalitionspartnern auch zu dem Zeitpunkt nicht umsetzbar war, als sich politische Gestaltungsmöglichkeiten eröffneten. Dennoch führte gerade das strikte Festhalten an der slowakischen Autonomie dazu, dass die stark konfessionell geprägte, klerikale Partei immer deutlicher als einzig legitime Vertreterin der slowakischen Nation wahrgenommen wurde.
Mit dem Nachfolger Hlinkas als Vorsitzendem der Slowakischen Volkspartei beschäftigte sich Eduard Nižòanský (Bratislava) in seinem Vortrag zu „Josef Tisos Denken über Religion und die Folgen für die Politik der ÈSR und die Slowakei während des Zweiten Weltkrieges“. Nižòanský legte dar, dass im Denken Tisos der Katholizismus als die unverfälschte Form der Religion gegolten habe. Daraus hätte sich auch sein Verhältnis zum Nationalismus abgeleitet, der im Katholizismus seine Veredlung finde, und den er ebenfalls auf einen göttlichen Ursprung zurückführte. Denn die „Liebe zur Heimat“ sei laut Tiso ein Gebot Gottes. Religiöse und konfessionelle Elemente verschmolzen hier also zu einem hybriden Deutungsmuster, innerhalb dessen die Nation in Gegensatz zum Staat gedacht wurde. Denn Tiso rechtfertigte die Zerschlagung der Tschechoslowakei mit dem Schutz der slowakischen Nation. Nižòanský führte vor, wie Tiso dieses Argument religiös unterfütterte: So wurde das Gebot der Nächstenliebe auf die Verbundenheit mit der eigenen Nation übertragen, die stärker sein müsse als die Loyalität gegenüber dem Staat. Die anschließende Diskussion konzentrierte sich einerseits auf die Tatsache, dass Tiso ebenfalls mit religiösen Argumenten die Deportationen slowakischer Juden zu rechtfertigen versuchte. Andererseits wurde von Christoph Cornelißen (Kiel) zu Recht auf die Häufigkeit hingewiesen, in der autoritäre Tendenzen im politischen Katholizismus im Europa der Zwischenkriegszeit zu beobachten gewesen seien. Umso interessanter war in diesem Zusammenhang Nižòanskýs Hinweis auf die bis heute fortdauernde Weigerung eines Teils der slowakischen Historiker, die Selbstdiskreditierung des politischen Katholizismus aufzuarbeiten.
Das erste Panel des zweiten Konferenztages stand unter der Überschrift „Transformationen – Konversionen – Politik“ und wurde von Kristina Kaiserová (Ústí nad Labem/Aussig) mit ihrem Referat über „Die konfessionelle Problematik der Deutschen in Böhmen und die Beziehung zu Deutschland 1848-1938“ eingeleitet. In ihrem umfassenden Überblick stellte sie unter anderem dar, wie in den 1870er Jahren die Entstehung der Altkatholischen Kirche von engen Beziehungen nach Deutschland begleitet wurde. Auch im protestantischen Milieu gab es solche Phänomene, wie beispielsweise den Gustav-Adolf-Verein in Leipzig, der zur Unterstützung der Protestanten in der Diaspora gegründet worden sei. Auf Interesse stieß in der Diskussion vor allem die Haltung der konfessionellen Milieus zur „Sudetendeutschen Partei“. Kaiserová hatte bereits in ihrem Vortrag die starke Annäherung der evangelischen Jugend an die Partei Henleins erwähnt. Miroslav Kunštát ergänzte dazu, dass die Loyalität der deutschen protestantischen Geistlichen zu Beginn der „Bewegung“ fast hundertprozentig gewesen sei. Dies habe sich jedoch geändert, als einerseits die nationalsozialistische Kirchen- und Religionspolitik zunehmend die institutionelle Arbeit der Kirchen erschwerte und andererseits die Bekennende Kirche immer mehr Anhänger im Reichsgau Sudetenland fand.
Ebenfalls breit diskutiert wurde Martin Weins (Tel Aviv) Beitrag mit dem Titel „Eternal conversions (Zu Multiethnizität, politischer Orientierung und religiösen Bindungen)“. Dem Vortragenden dürfte dies willkommen gewesen sein, betonte er doch zu Beginn seiner Präsentation, dass es sich um ein Stück „work in progress“ handle. Er wollte daher das Forum der Kommission nutzen, sein Schema, welches religiöse Bindungen parteipolitischen Orientierungen in der Ersten Republik im Zeitraum von 1920-1938 zuverlässig zuordnen soll, weiter voranzubringen. Die Diskutanten teilten denn zwar auch die Meinung, dass es sich hier um eine fruchtbare und sinnvolle Fragestellung handle, zumal der untersuchte Zeitraum von einer Umbruchssituation geprägt gewesen sei, in der sich religiöse und politische Bindungen wandeln könnten. Angemahnt wurde aber beispielsweise, dass Wein den Geltungszeitraum seines Schemas noch spezifizieren müsse und die Parameter genauer erfassen.
Die Sektion wurde beschlossen von Roman Holec (Bratislava), der „Religion, Nation und Staat im Denken der slowakischen politischen Elite vor 1918“ vorstellte. Gleich zu Beginn seiner Ausführungen machte Holec die Einschränkung, dass sein Vortrag nur das Spannungsverhältnis zwischen Nation, Staat und katholischer Kirche – und nicht der Religion im Allgemeinen – behandle. In der Zeit der Zugehörigkeit zur österreichisch-ungarischen Monarchie sei grundsätzlich von einer Interessenskonvergenz des Staates mit der slowakischen geistlichen Elite – sprich: der katholischen Hierarchie – auszugehen. Die Nationalitätenkonflikte hätten sich Holec zufolge daher weniger zwischen Staat und Kirche abgespielt als vielmehr auf der lokalen Ebene, zwischen niedrigem Klerus und der Hierarchie. Die Loyalitäten und Selbstzuschreibungen zu einer bestimmten Nation schienen infolgedessen eindeutig schichtenspezifisch zu sein: Während der Anteil der Katholiken unter denjenigen Christen, die bis 1918 ihre Namen magyarisierten, bei überdurchschnittlichen 72 Prozent lag, war sich Holec sicher, dass Angehörige der bäuerlichen Schicht sich kaum dazu entschlossen hätten.
Das letzte Panel war drei christlichen Figuren der böhmischen Geschichte gewidmet, die als „Lieux de mémoire“ für die Erinnerung von Tschechen, Deutschen und Slowaken eine Rolle spielten. Zu Beginn ging Tobias Weger (Oldenburg) in seinem Vortrag „Jan Amos Komenský. Die ‚Karriere‘ einer religiösen Leitfigur in den Beziehungen zwischen Deutschen, Tschechen und Slowaken im 20. Jahrhundert“ der Frage nach, ob es sich bei Comenius um einen tschechischen oder einen europäischen Erinnerungsort handle. In seiner durch viele Fotos sehr anschaulich gestalteten Präsentation wurde deutlich, dass beides zu verneinen sei: Zwar spielte der Erinnerungsort Comenius beispielsweise auch in Polen – besonders in Leszno (Lissa) – eine Rolle. Doch konnte er hier keine gesamtgesellschaftliche Gültigkeit erlangen. Weger zog daher die Schlussfolgerung, dass im europäischen Kontext lediglich die Figur Comenius in mehreren Gemeinschaften von Bedeutung gewesen sei. An den unterschiedlichen Orten jedoch seien damit zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Symbole verbunden gewesen, die auf unterschiedliche Werte verwiesen. Gesamteuropäisch gesehen müsse daher von einem „getrennten Gedächtnis“ hinsichtlich dieses Erinnerungsortes die Rede sein.
Eine eher diachron vergleichende Perspektive einnehmend sprach Jan Randák (Prag) über die Bedeutung von „Jan Hus im kommunistischen Geschichtsdiskurs“. Er zeigte, wie sich die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei (Komunistická strana èeskoslovenska, KSÈ) darum bemühte, Hus zum Vorkämpfer der Befreiung des arbeitenden Volkes und die Partei und ihre Angehörigen zu den „Nachkommen der Taboriten und von Jan Hus“ zu stilisieren. Die kommunistische Umdeutung des Gedenkens an Hus klammerte dabei selbst dessen religiöse Aspekte nicht aus. Immer wieder rückten die tschechischen Kommunisten Hus’ Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen in das Zentrum der Erinnerung an ihn. Ob allerdings allein die Tatsache, dass die propagandistischen Filme auf großes Publikumsinteresse stießen, schon ein Beleg für die allgemeine Akzeptanz des kommunistischen Hus-Gedenkens ist, musste offen bleiben.
Deutlichere Aussagen zu der Überzeugungskraft eines konkreten Erinnerungsortes konnte Jaroslav Šebek (Prag) in seinem Vortrag „Der heilige Wenzel – Interpretationen im 20. Jahrhundert“ machen. Wenn auch die Figur des Heiligen Wenzels im Laufe der Zeit unterschiedliche Bedeutungszuweisungen erfuhr, sei dennoch davon auszugehen, dass damit immer ein relativ großes Mobilisierungspotenzial verbunden war. Dies sei während der Tausendjahrfeier seines Todestages 1929 festzustellen gewesen, aber auch 1989, als sich die Menschen vor dem Prager Wenzelsdenkmal versammelten. Dabei hatte es an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert auch Streitigkeiten um die Interpretation der Figur des Heiligen Wenzel gegeben, als beispielsweise diskutiert wurde, mit welchen Beigaben das Prager Denkmal versehen werden sollte. Schließlich setzte sich der Entwurf des Bildhauers Josef V. Myslbek durch, was eine Vereinnahmung des Heiligen für die tschechische nationale Interpretationslinie bedeutete.
In der Diskussion wurde gefordert, die Darstellung der drei Erinnerungsorte konsequenter an einer parallelisierenden Leitfrage aufzufädeln, indem stärker nach der Bedeutung dieser religiösen „Lieux de mémoire“ für die Beziehungsgeschichte zwischen Deutschen, Tschechen und Slowaken gefragt werde. Für dringend notwendig befunden wurde auch eine schärfere Unterscheidung zwischen den jeweiligen Bedeutungszuschreibungen im tschechischen und slowakischen Gedächtnis, die beispielsweise in Bezug auf Comenius stark differierten. Miloš Havelka mahnte außerdem an, generell streng zwischen historiografischen und wissenssoziologischen Dimensionen bei der Erforschung von Erinnerungsorten zu differenzieren.
Im Hinblick auf die Publikation der Tagungsergebnisse wurden auch in der Abschlussdiskussion Überlegungen angestellt, nach welchen Kriterien die vielseitigen Beiträge der Konferenz vereinheitlicht werden könnten. Zu Recht merkte Edita Ivanièková an, dass die Beiträge thematisch enger fokussiert werden müssten, um zu konkreten Vergleichsgegenständen zu gelangen. Martin Schulze Wessel schlug auch im Hinblick auf die Aufgabe der Kommission als thematischen Schwerpunkt vor, sich auf die Rolle der Religion in den deutsch-tschechischen und deutsch-slowakischen Beziehungen zu beschränken. Als mögliche Herangehensweisen skizzierte er, danach zu fragen, inwiefern durch Religion diskursive Räume konstruiert wurden, die letztlich zu einer Territorialisierung eines Wir-Gefühls führten. Als weitere potentielle Forschungsfelder nannte er religiöse Transfers und die religiöse Fundierung politischer Kulturen. All diese Aspekte seien in den Vorträgen zwar schon angedeutet worden, müssten aber mit Blick auf einen homogenen und konsistenten Tagungsband noch konsequenter verfolgt werden. Ein engerer Fokus böte auch die Chance, verstärkt interdisziplinär an die einzelnen Themen heranzugehen. Denn gerade der Mangel an Interdisziplinarität der Konferenz war wiederholt kritisiert worden.
In der Abschlussdiskussion wurde aber auch festgestellt, dass die Tagung einen Anfang der Beschäftigung mit der Rolle von Religion in den Beziehungen zwischen Deutschen, Tschechen und Slowaken darstellen kann und sollte. Denn, wie Edita Ivanièkova zutreffend bemerkte, es sei deutlich geworden, wie allgegenwärtig religiöse und konfessionelle Problematiken in dieser Beziehungsgeschichte sind, so dass es noch viel Bedarf und Raum für weitere Studien gibt.
Bestimmte Forschungsfelder aufzuzeigen sowie konkreten, teilweise sehr spezifischen und originellen Fragestellungen nachzugehen, ist eines der Verdienste der Tagung. Doch ist gerade die breite thematische Streuung in der Abschlussdiskussion wiederholt zu Recht kritisiert worden, weil dadurch in manchen Beiträgen die Leitfrage nach der Bedeutung von Kirchen und Religionsgemeinschaften im Beziehungsfeld von staatlicher Politik und nationalen Entwürfen ein wenig aus dem Blick geraten war. Dafür, dass die übergreifende Fragestellung dennoch immer wieder in den Fokus gerückt wurde, sorgten die lebhaften Diskussionen der Tagung, denen die Organisatoren dankenswerterweise viel Platz im Programm eingeräumt hatten. Sicherlich wäre es ein großer Gewinn für die in Vorbereitung befindliche Publikation, wenn einige dieser Anregungen in die Beiträge einfließen würden.

 

Laura Hölzlwimmer, München


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