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Forschungsprojekt Diskurse Opferverbände

 

Medien und Öffentlichkeit seit dem 19. Jahrhundert.
Zur nationalen und transnationalen Wirkungsmacht von Massenmedien im Spannungsfeld zwischen Tschechien, der Slowakei und Deutschland

 

Die Fundamentalpolitisierung der europäischen Gesellschaften seit dem 19. Jahrhundert und die Entwicklung moderner Massenmedien waren einander wechselseitig befördernde Prozesse. In Ostmitteleuropa wurde diese Konstellation von Anfang an um das nationale Element ergänzt: Erst die Schaffung öffentlichkeitswirksamer Medien gestattete es den frühen Nationalbewegungen, den engen Kreis lokaler patriotischer Gesellschaften zu überschreiten. Da nationale Blätter und nationale Parteien in ihrer Gründungsphase oft mehr oder minder identisch waren, konnte die Finanzierung einer der relativ kostenintensiven Zeitungen und Zeitschriften ausschlaggebend für den Erfolg einer Partei sein und der Durchsetzung der „nationalen Sache“ einen gewaltigen Schub verleihen. Somit war der Bezug einer bestimmten Zeitung nicht allein Ausdruck des Informationsbedürfnisses der Leser, sondern oft auch nationales Bekenntnis und politisches Signal.

Die diesjährige Tagung der Deutsch-Tschechischen und Deutsch-Slowakischen Historikerkommission (Meißen 3.-4. Oktober 2008) nahm den langen Weg von der Etablierung der Massenmedien im 19. zu den modernen Mediengesellschaften des 21. Jahrhunderts in den Blick, um Rolle und Wirkungen der Medien auf das Beziehungsgeflecht zwischen Deutschen, Tschechen und Slowaken exemplarisch zu diskutieren. Mit dieser von Christoph Cornelißen (Kiel), Miroslav Kunštát (Prag) und Roman Holec (Bratislava) konzipierten Tagung wurde also ein breiter historischer Horizont aufgespannt, der nationale wie transnationale Perspektiven enthielt. Um dieses weite Themenfeld und die Diskussion zu strukturieren, wurden der Tagung zwei einführende Vorträge vorangestellt, die zugleich auch Einblick in den Forschungsstand gaben.
Frank Bösch (Gießen) lieferte eine konzise Skizze der verschiedenen Zugänge der Kommunikations- und Medienwissenschaften in Deutschland sowie der Entwicklung der historischen Medienforschung, die mit ihrem sozialwissenschaftlichen Instrumentarium und einem vergleichsweise breiten Medienbegriff Elemente beider Ansätze adaptiert habe. In seinem Überblick über vorliegende Forschungen konnte Bösch bestimmte Schwerpunktthemen wie die Presse- und Medienentwicklung in den westlichen Besatzungszonen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs oder das Jahr 1968 als mediales Ereignis identifizieren. Neben nach wie vor unterbelichteten Themen wie z. B. Verlegern und Verlagen in der Weimarer Republik oder – überraschenderweise – der Medienlandschaft in der DDR benannte Bösch im Folgenden vor allem konzeptionelle Defizite: So liege der Fokus der historischen Medienforschung nach wie vor sehr stark auf Repression, Kontrolle und Propaganda, die von der Sozialgeschichte längst „entdeckte“ Interaktion etwa zwischen nationalsozialistischem Regime und Gesellschaft bleibe indessen unterbelichtet.
Barbara Köpplová, die auch im Namen ihrer Kollegen Jan Jirák und Martin Sekera (alle Prag) sprach, stellte die „Media Studies“ (mediální studia) in Tschechien als ein junges Fach vor, das einen vergleichsweise schweren Stand habe. Nachdem seine Anfänge in den 1990er Jahren ganz im Zeichen von Übersetzungen westlicher Fachliteratur gestanden hätten, bemühe man sich heute, die Begrifflichkeit und Ansätze des eigenen Faches zu profilieren und Medienwissenschaften als transdisziplinäres, vergleichend arbeitendes Fach innerhalb der Geschichtswissenschaften zu etablieren. Das Ziel sei, über die traditionelle und in Tschechien gut eingeführte Mediengeschichte, die im Wesentlichen Zeitungsgeschichte sei, hinauszugelangen. Ein allgemein akzeptierter theoretischer und methodischer Rahmen sei aber noch nicht gefunden, die Aussichten für die Weiterentwicklung der Disziplin in Anbetracht ihrer minimalen personellen Ausstattung schätzte Köpplová als eher ungünstig ein.

Die folgenden beiden Referate illustrierten den untrennbaren Zusammenhang von Medienentwicklung, politisch-nationaler Ausdifferenzierung und Entstehung moderner Massenparteien in den böhmischen Ländern: Jiøí Malíø (Brno/Brünn) zeigte am mährischen, Luboš Velek (Prag) am böhmischen Beispiel den raschen Aufstieg der tschechischsprachigen Presse, die die deutschsprachige zahlenmäßig bald überholte und immer weitere soziale Schichten erreichte. Dabei veränderte sich auch das Verhältnis zwischen Presse und Parteien: Hatten die Honoratiorenparteien zum großen Teil im Umfeld und Gefolge der Zeitungen existiert, entwickelten sich die modernen Programmparteien noch vor dem Ersten Weltkrieg zum selbstständigen Akteur, zu dessen Subkultur auch verschiedene Zeitungen und Zeitschriften gehörten.
Die nächste Sektion führte in die Erste Tschechoslowakische Republik und zeigte die zeitgenössische deutsche Presse als mächtigen – und zugleich ohnmächtigen – Faktor der Politik: Armin Krahl (Berlin) führte die ablehnende Berichterstattung der deutschen Regionalpresse in Westböhmen gegenüber dem deutschen Regierungsaktivismus seit 1926 auf ein diffuses Gemisch aus „Tschechisierungs“-Ängsten, politischer Konzeptlosigkeit und mangelndem Wissen zurück. Dass Aufklärung nicht notwendigerweise zu politischer Einsicht führen muss, demonstrierte Michael Havlin (Dresden) in seinem reich bebilderten Vortrag über die Zeitung „Der Sozialdemokrat“ als einer letztlich weitgehend wirkungslos gebliebenen Gegenöffentlichkeit: Der „Sozialdemokrat“, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, mit mitunter drastisch präsentierten Fakten über das nationalsozialistische Deutschland zu informieren, wurde von der rasch zum Leitmedium avancierenden SdP-Schrift „Die Zeit“ völlig verdrängt. In der anschließenden Diskussion wurde unter anderem der Aussagewert der hochschießenden Abonnentenzahlen der „Zeit“ diskutiert, die, wie Detlef Brandes (Düsseldorf) betonte, sich zum einen durch den gewaltigen Drucks erklären lassen, den SdP-Funktionäre auf die deutsche Bevölkerung ausübten, zum anderen die Möglichkeit bot, Loyalität zu signalisieren, ohne gleich der Partei beizutreten.

Medien und ihrer Kontrolle während der Protektorratsjahre waren das Thema der folgenden Beiträge: Jakub Konèelík (Prag) stellte Strukturen, Institutionen und Mechanismen des Systems der Medienregulation im so genannten Protektorat Böhmen und Mähren vor und präsentierte eine quantitative Sprecheranalyse von Pressegesprächen. Juraj Drexler (Bratislava) informierte über Aufbau und Arbeit des slowakischen Rundfunks während des Zweiten Weltkriegs, der von einem Ort pro-deutscher Propaganda zu einem wichtigen Medium der Mobilisierung der Massen für den Volksaufstand 1944 geworden sei.
Der nächste Zeitschnitt, der in die Slowakei der 1950er Jahre führte, brachte mit Marína Zavackás Beitrag über die Darstellung der (DDR-)Deutschen in slowakischen Kinder- und Jugendzeitschriften eine luzide, methodisch wie in der Präsentation überaus überzeugende Propagandaanalyse. Zavacká konnte anhand von Karikaturen und einer Untersuchung des Sprachgebrauchs die trotz fortdauernder Stereotype und widersprüchlicher Narrative erfolgreiche Umcodierung „der Deutschen“ nachweisen. Während die Ostdeutschen zu Freunden wurden, verloren die Faschisten, Imperialisten und Kriegstreiber ihre (einst deutsche) Ethnizität. In den Schulbüchern der sozialistischen Zeit geriet die Figur des deutschen Gegenübers sogar zum einzig realen „internationalen Kontakt“: Beschränkte man sich in der Darstellung des Austausches mit sowjetischen wie englischen Genossen auf den Briefwechsel, weil ein Besuch in ihren Ländern außerhalb des Vorstellbaren schien, wurde das deutsch-slowakische Pioniertreffen oder der Besuch in der DDR zum festen Topos.
Medienentwicklung nach 1989 war das Thema der letzten Sektion. Barbara Köpplová und Tomáš Trampota (Prag) gingen primär auf die strukturellen Veränderungen der tschechischen Presselandschaft nach dem Ende des Staatssozialismus ein und charakterisierten die überaus starke Kommerzialisierung von Zeitungen und Fernsehen als einen der hervorstechendsten Züge des Transformationsprozesses.
Felix Westrup (München) stellte eine Analyse leitender Narrative in der Tschechienberichterstattung führender deutscher Tageszeitungen zur Diskussion. Als überraschend zeigten sich dabei weniger die Erzählmuster an sich – in denen Tschechien mal als gefährliche wirtschaftliche Billiglohnkonkurrenz, mal als sozialismusgeschädigter EU-Antragsteller mit Nachholbedarf in Sachen Rechtsbewusstsein, aber an sich europäischer kultureller Prägung erscheint – als der hohe Grad an Übereinstimmung dieser Bilder in politisch unterschiedlich orientierten Blättern.
Wie groß der Reflexionsbedarf über solche Wahrnehmungsmuster ist, zeigte nicht zuletzt die Round-Table-Diskussion mit tschechischen, slowakischen und deutschen Journalisten, die die Historikerkommission am Nachmittag des 3. Oktober auf dem Dresdner Historikertag 2008 – dessen diesjähriges Gastland Tschechien war – veranstaltete. Zwar führte Jan Šícha (Prag) eine ironisch-pointierte Differenzierung sowohl der tschechischen Presselandschaft als auch der deutschen Berichterstattung über Tschechien in die Debatte ein, doch fand sowohl Juraj Alners (Bratislava) Feststellung, dass der Westen vor allem Stereotype über Tschechien und die Slowakei geliefert haben wolle, als auch Šárka Daòkovás (Prag) ernüchternder Bericht über Versuche, Themen der deutsch-tschechischen Konfliktgeschichte qualifiziert medial zu vermitteln, unter den anwesenden Journalisten Bestätigung. Das Motto des Deutschen Historikertags 2008 „Ungleichheiten“ lasse sich, so Martin Schulze Wessel (München), in zweifacher Hinsicht auf das Verhältnis zwischen Deutschland, Tschechien und der Slowakei übertragen: Auf ein Gefälle im Interesse und eine Ungleichheit in den Besitzverhältnissen – hinter einem großen Teil der tschechischen Tagespresse stehen deutsche Verlage – die ihre Wirkung wohl in erster Linie in der Denkfigur einer „deutsch beeinflussten“ Presse finde.

Christoph Cornelißen, der das Round-Table-Gespräch auch geleitet hatte, lieferte in seinem Fazit eine Bestandsaufnahme, die bei einem so umfassenden Themenfeld wie dem der diesjährigen Konferenz der Deutsch-Tschechischen und Deutsch-Slowakischen Historikerkommission notwendigerweise auch eine lange Liste noch zu erschließender Fragen zutage fördern musste.

München Christiane Brenner

 

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