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Forschungsprojekt Diskurse Opferverbände

„Diskurse von Opferverbänden:
Deutschland, Tschechien und die Slowakei im Vergleich“

Projektzeitraum: Oktober 2007 - September 2011
Träger: Beauftragter für Kultur und Medien der Bundesregierung
Mitglied im "Europäischen Netzwerk Erinnerung und Solidarität"

Zielsetzung/Leitfragen des Projekts

Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ist in allen europäischen Gesellschaften in hohem Maße von betroffenen Opfergruppen geprägt worden. Diese Gruppen konnten sich in Ost und West in unterschiedlichem Maße institutionell formieren, ihr Organisationsgrad und die Reichweite ihrer Diskurse standen dabei in einem unmittelbaren Zusammenhang damit, ob ihre Erinnerung im Rahmen der großen staatlichen Legitimationsdiskurse erwünscht oder unerwünscht war.
Grundsätzlich sind drei Stufen der Erinnerung zu unterscheiden: erstens die individuelle Erinnerung an Leiden im Zweiten Weltkrieg, die Teil eines kommunikativen Gedächtnisses bildet, zweitens die von Opferverbänden gepflegte Erinnerung, in der sich das kommunikative in ein kulturelles Gedächtnis umformt und drittens die staatliche Ebene von Erinnerung, in der bestimmte Erinnerungsbestände (z. B. Kriegsbeginn und -ende, Schlachten, Aufstände und Widerstandsakte, Umsiedlungen und Vertreibungen) kanonisiert werden oder aber keinen Ort finden.
Die Beschäftigung mit der mittleren Ebene, den Opferverbänden und ihren Diskursen,  ist deshalb relevant und wissenschaftlich sinnvoll, weil sich hier individuelle Erinnerungen bündeln und politisch wirksam werden. In Bezug auf die übergeordnete staatliche Ebene wird auf der Seite der Opferverbände ein Diskurs produziert, der eine Sinnressource für staatliches Handeln darstellen kann – aber nicht muss. Die staatliche Erinnerung an das von den Opferverbänden formulierte Kriegsleid kann langfristiges politisches Handeln motivieren, dies kann in einer Absage an Krieg, aber auch in konkreten Forderungen nach Kompensationsleistungen münden.
Auf semantischer Ebene stellen Opferdiskurse Angebote der Geschichts- und Wirklichkeitsdeutung dar, die in hohem Maße emotional geladen und sinnstiftend sind. Hierbei stellt sich die Frage, in welchem Maße die individuelle Erinnerung in die Opferdiskurse der Verbände Eingang findet und ob die emotions- und sinnhaltigen Deutungen der Verbände von staatlicher Seite aufgegriffen werden. Es lohnt aber auch, die Fragerichtung umzukehren und staatlichen Formierungsversuchen von individueller und verbandsbezogener Erinnerung nachzugehen. War der Staat nicht nur daran beteiligt, bestimmte bestehende Erinnerungen zu organisieren, sondern trug er auch gezielt zur Konstitution von Erinnerungs- und Erzählmustern bei?
Während sich diese Fragen grundsätzlich für demokratische und sozialistisch verfasste Gesellschaften ähnlich stellen, ist im Hinblick auf die Politisierung von Opferdiskursen zwischen Ost und West zu unterscheiden. In westlichen Gesellschaften ist grundsätzlich von einer politischen Ausdifferenzierung der Opferdiskurse auszugehen. So unterlag der Opferdiskurs der Vertriebenen in den 1960er und 1970er Jahren einer politischen Polarisierung: Opferbezogene Erinnerungen fanden in bestimmten politischen Gruppierungen ihren Ort, während sie in anderen politischen Gruppierungen ignoriert oder sogar abgelehnt wurden. Indessen wurde der Opferdiskurs in den sozialistischen Staaten Ost- und Ostmitteleuropas fest in die staatliche Legitimation eingeschrieben und war somit einer pluralen Politisierung nicht zugänglich. Als Personen waren die Opfer tendenziell ausgeklammert und wurden durch gezielt geschaffene Mythen ersetzt. Die Staatsideologie hielt sich von den konkreten Opfern fern. Seit 1989 hat eine rasche Pluralisierung und Ausdifferenzierung von Erinnerungsdiskursen stattgefunden, die vor 1989 bereits in Dissidentenkreisen angelegt gewesen war.
Opferdiskurse zum Zweiten Weltkrieg sind immer ein transnationales Phänomen gewesen: Welche Erinnerung formuliert und welche Ansprüche daraus abgeleitet wurden, ist nicht nur in den Jahren des Kalten Krieges jenseits der jeweiligen Grenze genau beobachtet worden. Opferdiskurse auf der einen Seite haben Opferdiskurse auf der anderen Seite stets beeinflusst. Eine Dynamisierung dieser transnationalen Opferdiskurse setzte allerdings nach 1989 ein, als im Osten Europas die staatlich festgeschriebenen Geschichtsdeutungen an Geltung zu verlieren begannen und Opferverbände unabhängig vom Staat ihre Diskurse formulierten. Ein qualitativer Sprung lag vor allem darin, dass die von ihnen vorgebrachten Ansprüche unter den neuen politischen Konditionen eine neue Brisanz erlangten. Verändert haben sich dabei nicht allein die Diskurse, sondern auch die Akteure und ihre Arenen, auf denen diese geführt werden: Das Spektrum reicht hier von privatrechtlichen Forderungen, wie sie als Sammelklagen vorbereitet werden, über das Verlangen von Opferverbänden nach Wiedergutmachungen materieller, politischer oder auch moralisch-symbolischer Art bis hin zu Aushandlungsprozessen auf zwischen- und supranationaler Ebene, bei denen auch bestimmt wurde, ob Ansprüchen von Opfergruppen Relevanz zugestanden werden sollte (Zwei-Plus-Vier-Gespräche, Verhandlungen über die EU-Osterweiterung). Staatliche Macht und staatliche Interessen legten also die Bedingungen fest, unter denen Opfer ihre Ansprüche formulieren konnten. Nachdem die vertraglichen Rahmenbedingungen für die Ordnung Europas nach der Blockteilung festgeschrieben waren, haben in Deutschland neue Debatten über die offizielle Erinnerungskultur begonnen, wobei die Frage, welchen Ort verschiedene Opfergruppen im historischen Gedächtnis einnehmen sollen, nicht nur in der deutschen Gesellschaft sondern auch in den benachbarten Gesellschaften Ostmitteleuropas mitunter sehr kontroverse Reaktionen hervorgerufen hat (z. B. die Debatten um ein „Zentrum gegen Vertreibungen“).

Fragestellungen

Ziel des trilateralen Projektes ist die Analyse deutscher, tschechischer und slowakischer Diskurse von Opferverbänden. Dabei geht es um Vergleiche, die den ganz unterschiedlich beschaffenen Positionen und historischen Rollen der Opferverbände Rechnung tragen. Im Rahmen zweier Konferenzen, die für die Projektphase geplant sind, soll diese Perspektive erweitert und um einzelne Fallbeispiele aus anderen ost-, ostmittel- und westeuropäischen Gesellschaften ergänzt werden. Das Hauptgewicht der Projektarbeit wird auf der Zeit seit 1989 liegen, doch soll aus der gemeinsamen Forschung auch ein Überblick in Langzeitperspektive entstehen, der den gesamten Zeitraum seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges zusammenfasst.
Die Forschungsarbeit soll sich an folgendem Fragen- bzw. Aufgabenkatalog orientieren:

  • Welche Semantik haben Opferdiskurse? Wie bzw. durch was wird in den untersuchten Diskursen Sinn produziert? Welche religionshaltigen Muster lassen sich in diesen „Opfer“-Diskursen nachweisen?
  • Welche Ansprüche werden aus diesen Diskursen abgeleitet? Welchen Veränderungen unterliegen diese Ansprüche, wenn sich die politischen und/oder gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verändern?
  • Wie etablieren sich Opferdiskurse in der Gesellschaft, wie erreichen sie Präsenz in den Medien? Welche Faktoren verhindern, dass sie einen Stellenwert über bestimmte Teilöffentlichkeiten hinaus erlangen?
  • Wie gelingt es ihnen, transnationale Wirkung zu entfalten? Aus welchen Gründen bleiben bestimmte Diskurse auf eine nationale Öffentlichkeit beschränkt?
  • Wie verhalten sich Opferdiskurse zu den Diskursen der Mehrheitsgesellschaft? Welche internen und externen Faktoren machen sie anschlussfähig, was macht sie inkompatibel mit den dominanten Geschichts- und Erinnerungsdiskursen?
  • Welche Verbindungen – in verstärkender/abgrenzender Absicht – werden zwischen nationalen und übernationalen Opferdiskursen geschaffen, welche Opferkonkurrenzen aufgebaut?
  • Wie positionieren sich die Opferverbände zueinander und speziell gegenüber jüdischen Opferverbänden? Lassen sie die Entstehung von Opferkonkurrenzen zu, oder fördern sie diese sogar bewusst? Wie verhält sich der Staat gegenüber solchen Konkurrenzen?